Das Wesen des Hundes 

Im Laufe der Jahrmillionen, in denen sich die uns heute bekannte Tierwelt vom Ein­zeller bis zum Primaten entwickelt hat, war es zumindest für die höher entwickelten Tiere notwendig, auch ein Kommunikations-System auszubilden, mit dessen Hilfe es zuerst wenigstens möglich war, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. Dazu gehört beispielsweise die Tatsache, dass das Erscheinungsbild der gleichen Rasse instinktmäßig eingeprägt und normalerweise mit dem ,,Freundbegriff" gleich­gesetzt wird.

Besonders wichtig, Kommunikations-Möglichkeiten zu schaffen, war es für Tiere, die in größeren Verbänden zusammenleben. Bei den Wolfsrudeln hat sich offen­sichtlich schon früh diese Fähigkeit, miteinander zu ,,reden", entwickelt.

So sind bestimmte Verhaltensnormen im Instinkt aller Hunderassen gleich ver­ankert, sie werden von jedem Hund, gleich ob Dackel oder Dogge, Chihuahua oder Schäferhund, verstanden und respektiert. So legt sich beispielsweise bei einer Rauferei der Unterlegene auf den Rücken und bietet dem Sieger seine ungeschütz­te Kehle dar, was bei diesem - und sei er der schlimmste Raufbold und Beißer - da­zu führt, dass er von seinem Opfer ablässt, einfach, weil er nicht zubeißen kann, sein Instinkt lässt dies nicht zu, er kann sich nicht darüber hinwegsetzen.

Wenn man trotzdem hin und wieder davon hört, dass ein Hund einen anderen totgebissen habe, so liegt das meist daran, dass unsere heutigen Hunde einerseits zum Teil „überzüchtet" sind, andererseits unter Bedingungen leben müssen, die absolut nicht ihrer normalen Umgebung entsprechen. Durch die Überzüchtung degenerieren Tiere häufig so, dass sie ihre natürlichen Instinkte verlieren. Das hat dann zur Folge, dass sie nicht mehr normal reagieren, im oben erwähnten Fall weiß also beispielsweise der eine Hund nicht mehr, wie er den Sieger dazu bringen kann, seine Überlegenheit nicht bis zum bitteren Ende auszuspielen, oder der andere hat verlernt, dass ein Mithund, der sich als Verlierer zu erkennen gibt, nicht getötet werden darf. Aber auch die Umgebung bringt oft Hunde so durcheinan­der, dass sie nicht mehr richtig agieren und reagieren können, sie werden neuro­tisch. Das sind dann die Fälle, wo ein Hund nach seinem Herren schnappt, Fami­lienmitglieder anfällt und so weiter.

Aus der Sicht des Hundes spricht aber nichts dagegen, den Briefträger anzufallen, im Gegenteil: da kommt jeden Tag ein Fremder an das Rudel heran und möchte sich diesem anschließen. Vom Rudelboss oder zumindest dem ranghöchsten An­wesenden wird er jedoch immer wieder fortgeschickt, so dass der Hund glauben muss, es handele sich dabei um einen unerwünschten Eindringling, den man aus Rudel-Solidarität sofort verjagen muss.

Apropos Rudel: Katzenliebhaber werfen den Hunden immer wieder vor, sie seien ,,kriecherisch", ja sogar falsch. Dass das nicht stimmt, ist jedem, der sich mit der Psy­chologie des Hundes befasst, schnell klar. Allerdings ist der Hund im Gegensatz zur Katze ein Rudeltier, das unter der strengen Leitung eines Leittieres steht. Daher ist die Unterordnung unter den ,,Boss" angeboren - und in der freien Wildbahn wohl auch lebensnotwendig. Das Wolfserbe lässt den Hund also die Hand lecken, die ihn schlug. Andererseits kann man als Halter von Rüden immer wieder beobach­ten, dass der Hund von Zeit zu Zeit versucht, sich zum Leithund aufzuschwingen. Zwar bringt energisches Durchgreifen für einige Zeit Ruhe, aber irgendwann wird ein neuer Versuch gestartet.

Der Instinkt, sich der Rudel-Hierarchie einzuordnen, ist manchmal für Hunde richtig-gehend gefährlich. Jeder kennt den Schoßhund, der alles darf, der in der Familie, die er tyrannisiert, de facto der Leithund ist. Praktisch aber kann er es nicht sein, ein­fach weil es zum Beispiel in unseren Städten für ihn unmöglich ist, Futter für das Rudel heranzuschaffen. Das führt dann dazu, dass die Psyche des Hundes an der Wirklichkeit zerbricht, das Tier wird neurotisch, verhält sich absolut ,,verrückt".